BZ-Interview mit Caritas-international-Mitarbeiter Stefan Teplan über die Aufbauarbeit im südindischen Chengalpattu. Im Januar wird das erste Dorf eingeweiht. Wo steht die Aufbauarbeit im südindischen Chengalpattu, die seit zwei Jahren von „Südbaden hilft“ unterstützt wird? Caritas-international-Mitarbeiter Stefan Teplan, der nach mehrmonatigem Aufenthalt in Indien erst kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt ist, sprach darüber mit Thomas Fricker.

Ausriss aus “Badische Zeitung” vom 26.12.2006, Interview mit Stefan Teplan
BZ: Zwei Jahre liegt der Tsunami zurück. Ist die Katastrophe vergessen oder bestimmt sie weiterhin das Denken der Menschen am Meer?
Teplan: Vergessen ist sie sicher nicht. Mir haben erst wieder Fischer erzählt, dass sie immer noch Angst haben, wenn sie aufs Meer hinausfahren. Auch von den Kindern leiden viele noch unter Ängsten, trotz aller psychologischen Betreuung.
BZ: Sind denn die materiellen Folgen inzwischen überwunden?
Teplan: Ja, das kann man sagen. Den meisten Tsunami-Opfern geht es heute materiell besser als vor dem Seebeben. Im Bundesstaat Tamil Nadu, in dem auch die Diözese Chengalpattu liegt, gibt es neuerdings sogar das Sprichwort: „Gesegnet sind die Tsunami-Leute!“ Das klingt zwar makaber, ist aber wohl aus dem Neid derer entstanden, die keine neuen Boote und keine neuen Häuser bekommen haben, weil ihr spärlicher Besitz von der Flut nicht zerstört worden war.
BZ: Wie ist denn konkret die Situation in Chengalpattu?
Teplan: Ähnlich wie anderswo an der Küste. Allerdings werden viele Menschen wohl noch bis zum Frühjahr in Behelfsunterkünften wohnen. Beim Wiederaufbau der elf Dörfer hat es bekanntlich Verzögerungen gegeben, weil der zuständige und inzwischen abgewählte Landrat blockiert hat. Zum Glück können nun Mitte Januar die ersten beiden neu aufgebauten Dörfer eingeweiht werden. In den übrigen Dörfern wird man laut Plan der Chengalpattu-Entwicklungsgesellschaft (CRDS) bis Ende Februar, Anfang März fertig sein. Hoffen wir, dass bis dahin die Behörden wie versprochen Strom und Wasser bereitstellen. Hier muss sich der neue Landrat bewähren.
BZ: Und wie steht es um die Fischerei?
Teplan: Wer vor dem Tsunami ein Boot besaß, der hat jetzt auch wieder eines. Allerdings haben wir das System des gemeinschaftlichen Besitzes eingeführt. Danach teilen sich vier Tsunami-Opfer ein Boot.

Indischer Fischer mit neuem Caritas-Boot nach dem Tsunami. Foto: Stefan Teplan
BZ: Und Frauen sind Mitbesitzerinnen?
Teplan: Ja, nicht überall an der Küste, aber in Chengalpattu. Außerdem sind Frauen seit diesem Sommer auch zu 50 Prozent a n der Fischerei-Genossenschaft beteiligt – mit vollem Stimmrecht.
BZ: Bleibt ihnen da noch Zeit für das Projekt Dorfkooperativen?
Teplan: Ja, hier gibt es enorme Fortschritte. Das weitet sich ständig aus. Inzwischen haben Frauen begonnen, regelrechte Gemischtwarenläden zu eröffnen, insgesamt acht, die von 36 Frauenselbsthilfegruppen betrieben werden. Der Gewinn fließt diesen Gruppen und damit den Gemeinden zu.
BZ: Stichwort berufliche Bildung: Laufen die Kurse weiter, und konnten ihre Absolventen etwa beim Hausbau helfen?
Teplan: Ja, zum Beispiel Zimmerleute und Maurer konnten gut eingesetzt werden. Allerdings werden daraus keine dauerhaften Jobs. Die CRDS bemüht sich nun um stabile Arbeitsplätze für ihre Kursabsolventen, indem sie Kontakte zu regionalen Arbeitgebern knüpft. In einigen Fällen hat die Vermittlung schon geklappt.
BZ: Auf welchem Gebiet hat die Wiederaufbauarbeit in Chengalpattu denn bisher den größten Wandel hervorgerufen?
Teplan: Ich denke, das ist unstreitig im Sozialen der Fall. Was Father Jesus Anthony, der Leiter der CRDS, und seine Mitstreiter beim sogenannten community building, also bei der Förderung des Gemeindelebens, erreicht haben, ist schon eine kleine soziale Revolution. Das gilt besonders für die Gleichberechtigung der Frauen, aber auch für die Integration der niedrigen Kasten und der Kastenlosen, der so genannten Dalits.
BZ: Zurücklehen können sich die Helfer aber wohl noch nicht?
Teplan: Nein, im Gegenteil. Vieles muss noch stabilisiert, gesichert weiterentwickelt werden. Und dann gibt es die große Herausforderung, auch dien angrenzenden Dörfer und Landstriche einzubeziehen. Eben erst hat dazu in Chengalpattu eine große Konferenz von Caritas Indien stattgefunden. Seit wenigen Tagen gibt es dafür auch einen Projektleiter. Damit stehen wir an dem spannenden Übergang von der Katastrophenhilfe zur langfristigen Entwicklungshilfe.
