Power-Frau macht Frauen-Power

 

Porträt der indischen Sozialarbeiterin Mary Peter

 

Mary Peter aus Tamil Nadu / Indien. Foto: Stefan Teplan

Mary Peter aus Tamil Nadu / Indien. Foto: Stefan Teplan

Eine gute Frau kocht. Eine gute Frau putzt. Eine gute Frau bleibt im Haus und macht ansonsten den Mund nicht auf. Besonders nicht, wenn der Mann spricht. Klischeebilder und Vorurteile solcher Art, bei denen jedermann/frau aus emanzipierten Gesellschaften die Haare zu Berge stehen, sind in vielen Kulturkreisen noch trauriger Alltag. In Indien etwa, das auf der einen Seite Wert darauf legt, als hoch industrialisierter und nukleargerüsteter Staat im global village zu gelten, das aber auf der anderen Seite vielerorts noch in der Steinzeit steckt, was die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft.Mary Peter – Sozialarbeiterin für Frauenfragen in der südindischen, vom Tsunami betroffenen Diözese Chengalpatttu – kann ein Lied davon singen. „Seit 21 Jahren, seit dem Ende meines Studiums der Sozialpädagogik, kämpfe ich hier in Südindien für die Rechte der der Frauen – gegen Widerstände, gegen Vorurteile, gegen die Privilegien, die man hierzulande immer noch den Männern einräumt. Ich kann zwar nicht sagen, dass dieser Kampf gewonnnen ist, aber ich denke, es ist schon einiges erreicht. Dabei kamen die größten Erfolge, so makaber das klingen mag, erst mit dem Tsunami.“Der Tsunami, der am 26. Dezember 2004 auch an den Stränden der Diözese Chengalpattu erbarmungslos zuschlug und tausende von Menschen um ihre Häuser und Besitztümer brachte, wirkte, so erzählt Mary „wie ein Katalysator auf unsere Sozialarbeit. Vorher musste ich Monate und Jahre zäh etwas erarbeiten, was nun plötzlich in vielen Gegenden wie von selbst läuft. Um ein Beispiel zu nennen: Das Gründen von mehr und mehr Frauengruppen bereitet jetzt überhaupt keine Probleme mehr. Wenn ich das früher versucht hatte, musste ich oft gegen heftigen Widerstand von männlicher Seite ankämpfen.

Widerstände gibt es auch heute noch, aber es ist doch viel  leichter geworden.“Die meisten Männer, erzählt sie, weigerten sich hartnäckig, ihre Frauen anders als in der klischeehaften Rolle des Heimchens am Herd zu sehen. Sobald Mary Frauen zu gemeinsamen Treffen animieren wollte, konterten deren Männer in der Regel mit den Standardfragen: „Wer soll in der Zwischenzeit für uns kochen? Wer zu Hause putzen und die Kinder versorgen?’“Freilich kam auch nach dem Tsunami, als Mary und die Diözese mit Hilfe von Caritas begannen, neue und bessere Lebensbedingungen für die betroffene Bevölkerung zu schaffen, die Wende nicht über Nacht. Doch ergab sich durch den Zwang der Umstände eine Situation, in der so mancher Macho, unter ökonomischem Druck, unwillig zusehen musste, wie die ihm von Kindesbeinen an eingetrichterten „Prinzipien“  plötzlich nicht mehr gelten sollten: Frauen wagten es, aus den Häusern zu gehen. Frauen verdienten selber Geld. Frauen organisierten sich. Wurde doch bei allen Hilfsprogrammen und allen Dorf das Caritas-Prinzip kommuniziert: „Die Frauen sind mit beteiligt. Die Frauen haben überall gleiches Mitspracherecht.“„Das hagelte ziemlich viele Proteste“, gesteht Mary. „Aber wir ließen uns einfach nicht beirren oder einschüchtern. Die Tsunami-Hilfe ist eine so große Chance für den Kampf um Gleichberechtigung, dass wir sie wir uns durch nichts mehr nehmen lassen dürfen.“

Mary Peter bei der Gründungsversammlung des ersten südindischen Fischerverbands, in dem Frauen Mitglieder sind.

Mary Peter bei der Gründungsversammlung des ersten südindischen Fischerverbands, in dem Frauen Mitglieder sind.

Da der Großteil der betroffenen Fischer unmittelbar nach dem Tsunami seinen Brotjob zunächst nicht ausüben konnte, nahmen die von Mary kräftig motiviert und unterstützen Frauen das Heft selbst in die Hand. In vielen Orten der Chengalpattu Rural Development Society (CRDS) – sozialer Arm der Diözese Chengalpattu – sorgten sie für notwendige Zusatzeinkommen, indem sie begannen, Kleidung und Nahrungsmittel selbst zu vermarkten. Inzwischen sind sie in ökonomischen Fragen meist kompetenter als ihre Männer, deren Erfahrungsbereich sich oft nur auf den Fischfang erstreckt.

“Wir suchen jetzt in vielem den Rat der Frauen. Ich gebe zu: Vor dem Tsunami haben wir dies nie getan“, gesteht bei einer Gemeindeversammlung ein Fischer aus dem Dorf Kadalur Periya Kuppam, rund zehn Kilometer von Chengalpattu entfernt, ein. „Die Frauen haben uns in vielen Lebensfragen und wirtschaftliche Entscheidungen nach dem Tsunami gute Ratschläge gegeben und wir sind dankbar dafür und wollen das so weiter halten“.

Mary wünscht sich, dass „bald alle Männer bei uns so denken wie dieser Fischer. Noch immer gibt es in Südindien leider genügend Männer, die keinerlei Veränderung der alten traditionellen Rollenverteilung dulden wollen. Doch sie können nicht umhin, das Beispiel  der Geschlechtsgenossen zu sehen, die umgedacht haben und müssen letztlich akzeptieren, dass sich eine nicht mehr umkehrbare Eigendynamik der Dinge entwickelt hat.“

Vom Drang beseelt, gegen die Unterdrückung von Frauen in Indien anzukämpfen, war Mary bereits als junges Mädchen. „Das auch war meine eigentliche Motivation, Sozialarbeiterin zu werden.“ Als sie 1985 ihr Studium der Sozialpädagogik am Stella-Maris-College in Chennai, Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu, abgeschlossen hatte, wartete die erste große Herausforderung auf sie: Sie durfte für ein Projekt ein Jahr lang bei „tribals“ – Angehörige der indischen Urbevölkerung aus den Wäldern – in einer abgelegenen Berggegend leben und arbeiten. In den Kalvarayan Hills, rund 300 Kilometer westlich von Chennai, kümmerte sich Mary um die Verbesserung der hygienischen und medizinischen Bedingungen der dort lebenden indigenen Bevölkerung, sorgte für Bildungsmaßnahmen der Kinder – und gründete ihre erste Frauengruppe. 

„Das“, sagt sie, „war damals noch Pionierarbeit.“  Die Idee zur Formierung solcher Gruppen kam in Indien erst in den 80er Jahren auf. Mary gelang es, allen Vorurteilen und Widerständen zum Trotz, die Frauen von den Kalvarayan Hills zu mobilisieren und sie zu lehren, ihr eigenes Leben verstärkt in die Hand zu nehmen und Verantwortung für ihre Rechte und Belange zu übernehmen anstatt, wie gewohnt, den Männern die Herrschaft über alles zu überlassen. Die wertvollen Erfahrungen, die sie in jenem Pionierprojekt sammelte, setzte sie ein Jahr später an ihrem nächsten Arbeitplatz ein: der Caritas Chennai. „Für die Caritas baute ich in einem Modelldorf die erste Selbsthilfegruppe auf. Und das war sehr intensiv. Um es zu einem Erfolg zu machen, kam ich nicht als Sozialarbeiterin von außen, sondern blieb im Dorf und lebte ständig mit den Menschen zusammen, wurde selbst zu einem Teil ihrer Gemeinschaft.“ Kein Wunder, dass Mary bald zur Koordinatorin für die Belange von Frauen und Kindern wurde.

Treffen einer Frauengruppe in Südindien. Foto: Stefan Teplan

Treffen einer Frauengruppe in Südindien. Foto: Stefan Teplan

1991 wurde die Region um Chengalpattu, bis dahin Teil der Caritas Madras, zu einer eigenen Diözese und CRDS gegründet. Mary ist auch hier weiter verantwortlich für Frauen- und Kinderfragen. Wenn sie Bilanz zieht über alles, was sie seitdem erreicht hat, kommt sie erneut auf die letzten zwei Jahre, die Tsunami-Zeit“, zu sprechen. Ohne die Tsunami-Hilfsprogramme, glaubt sie, „wäre niemals der Starrsinn vieler Männer  in diesem Maß aufgebrochen. Und ohne Mitwirkung der Männer schaffen wir auch keine Gleichberechtigung der Frauen.“ Das jedenfalls, sagt sie, habe ihr ihre Kollegin Roselyn Karakattu erklärt, die die Caritas-Tsunami-Programme für Frauen in Indien leitet.

„In meinem Fall“, ergänzt Mary, „vor allem nicht ohne einen bestimmten Mann. Meine gesamte Arbeit hätte ich niemals ohne meinen Ehemann so erfolgreich leisten können. Er hat mich stets bei all meinen Arbeiten, gegen den Widerstand anderer Männer und gegen viele negative Auswüchse unserer Kultur, unterstützt und ermutigt.“ 

Ein guter Mann weiß eben, dass eine gute Frau eine freie Frau sein muss.

 © Text und Fotos: Stefan Teplan

Erstveröffentlichung: Caritas international 2006

Leave a Comment

Filed under Uncategorized

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Connecting to %s